Die Weisen von Zion – Hitler´s

Es gehört zu den Rätseln des 20. Jahrhunderts, dass eine der größten politischen Lügen selbst nach ihrer Entlarvung nicht von der Bildfläche der Öffentlichkeit verschwunden ist. Die Protokolle der Weisen von Zion – das Manifest des „jüdischen Welteroberungsplanes“ – wurden zur Grundlage einer allumfassenden Welterklärung, lange nachdem sie offenkundig als Fälschung gebrandmarkt waren.

Von Michael Zantke

Noch heute wird der Verschwörungsmythos in großen Stückzahlen überall auf der Welt vertrieben. Vor allem in den muslimischen Staaten sind die Protokolle eine feste literarische Bestandsgröße. Teilweise werden sie dort von staatlichen Behörden herausgegeben. In mehreren arabischen Staaten wurde seit 2002 die Fernsehserie „Reiter ohne Pferd“ im Nachmittagsprogramm ausgestrahlt. Der Inhalt der Familienserie basiert auf den Protokollen der Weisen von Zion. In der muslimischen Welt überwindet politischer Antisemitismus den Gegensatz zwischen herrschenden Eliten und der islamistischen Opposition.

Die Protokolle waren und sind eine wesentliche Grundlage totalitärer Welterklärung und Beherrschung. Die Nationalsozialisten fanden in den fiktiven Protokollen unzweifelhaft die wesentliche Grundlage für ihre Vorstellung eines allumfassenden, ultimativen Feindes: Er tritt den Völkern – wie der Satan selbst – mit vielen Gesichtern gegenüber. Alle Schüsselpositionen des öffentlichen Lebens hält er besetzt. Presse, Parlamente und Regierungen kontrolliert er mit seinen „hundert Armen“. In jeder Partei und in jedem Land sitzen seine Agenten. Sie säen Hass durch „zersetzende Ideen“, treiben die Völker in den Kampf und lenken den Untergang der abendländischen Zivilisation herbei. Geht die alte Welt in den Flammen der geschürten Revolutionen zugrunde, wird sich schließlich der „Weltherrscher aus dem Geschlechte Davids“ über den Trümmern erheben, um seine Herrschaft über die Völker der Erde zu verwirklichen.

Die Herkunft der Protokolle
Urheber der Protokolle ist zweifelsfrei der zaristische Geheimdienst Ochrana. Auf Anweisung von dessen damaligem Auslandschef Pjotr Iwanowitsch Ratschkowski wurde die Urfassung in Paris unter mithilfe französischer Geheimagenten hergestellt.

Ratschkowski organisierte in den 1890er Jahren Gewalttaten und Intrigen gegen revolutionäre Gruppen in Frankreich und Belgien. Sozialisten und Anarchisten sollten öffentlich diskreditiert und gegeneinander aufgehetzt werden. Auch Bombenanschläge wurden von ihm als Kampfmittel gegen politische Feinde eingesetzt. Ratschkowskis Spezialität war jedoch die Herstellung von Dokumenten. Von seiner Ochrana-Einheit wurden gefälschte Briefe und Flugschriften produziert, um Konfusion in den Reihen der Revolutionäre zu verbreiten oder Informationen zu erschleichen. Zudem dienten die Fälschungen auch zur Beeinflussung von politischen Entscheidungsträgern.

Norman Cohn meint, Ratschkowski hätte mehrere Ziele mit der Anfertigung der Protokolle verfolgt: Zum einen sollten die progressiven Bewegungen in Russland öffentlich diskreditiert werden, indem man sie als Werkzeuge der Juden darstellte. Andererseits wollte Ratschkowski die sich zuspitzenden sozialen Spannungen in Russland und den damit verbundenen Druck auf das zaristische Regime entschärfen. Die Schuld der gesellschaftlichen Missstände sollte den Juden zugeschoben werden. Zudem war es sein erklärtes Ziel eine „französisch-russische Liga“ zur Abwehr der Bedrohung durch die Juden ins Leben zu rufen.

1903 wurden die Protokolle der Weisen von Zion erstmalig in Russland veröffentlicht. Sie erschienen in der Zeitung Snamja, die von dem bekannten Antisemiten P. A. Kruschewan herausgegeben wurde. 1905 fügte der orthodoxe Geistliche Sergej Nilus seinem Buch Das Große im Kleinen. Der Antichrist als nahe politische Möglichkeit die Protokolle als Anhang hinzu. Diese Version war letztendlich entscheidend für den öffentlichen Durchbruch. Eine weitere Ausgabe erschien 1906, herausgegeben von G. W. Butmi. Kruschewan und Butmi wirkten beide maßgeblich am Aufbau des Bundes des Russischen Volkes mit – bekannter auch unter dem Namen Schwarze Hundertschaften. Diese paramilitärische, radikal antisemitische Vereinigung organisierte Pogrome gegen russische Juden und benutzte dazu die Protokolle. Die Schrift wurde von den Schwarzen Hundertschaften in großem Umfang vervielfältigt und verteilt. Allein zwischen 1905 starben in Russland mehr als 5.000 Menschen in anti-jüdischen Pogromen.

Den großen Durchbruch hatten die Protokolle jedoch erst im Zuge der bolschewistischen Revolution. Die Mitglieder der Hundertschafen traten nun reihenweise in die Armeen der Weißgardisten ein. Dort wurden die Protokolle unter den Soldaten verteilt. Die Mitglieder der Weißen Armeen nahmen sie dann mit sich ins Exil. Mit den weißen russischen Exilanten begannen die Protokolle ihre Reise um die Welt. Norman Cohn zufolge zirkulierten 1919 unter den Delegierten der Friedenskonferenz von Versailles maschinengeschriebene Fassungen in verschiedenen Sprachen. Regierungsbeamte in London, Paris, Rom und Washington erhielten ebenfalls Exemplare durch russische Exilanten. Die Großmächte sollten dazu gebracht werden, ihre Interventionen im russischen Bürgerkrieg gegen die Bolschewiki beizubehalten und zu verstärken. Es sollte, so Cohn, verdeutlicht werden, dass es sich dabei keinesfalls nur um eine russische Angelegenheit handelte. Vielmehr sei die Revolution der Bolschewiki die Vorstufe zum apokalyptischen Endkampf der Menschheit und somit von internationalem Belang. Dass diese Propaganda keinesfalls wirkungslos blieb, zeigt beispielsweise ein Artikel Winston Churchills, der am 8. Februar 1920 im Illustrated Sunday Herald veröffentlicht wurde: Darin geht er davon aus, dass die Juden hinter der bolschewistischen Revolution und einer „weltweiten Verschwörung zum Sturz der Zivilisation“ stecken würden.

Es ist weitestgehend unstrittig, dass die Protokolle wohl als die wesentliche Quelle des politischen Antisemitismus betrachtet werden können. Sie integrieren die über Jahrhunderte gewachsenen religiösen und sozialen Vorurteile gegenüber Juden und kanalisieren sie in Form eines allumfassenden Antimodernismus: Der mittelalterliche „Brunnenvergifter“ tritt uns nun in Gestalt des „Volksvergifters“ gegenüber. Sein „Gift“ hat moderne Formen angenommen. Es sind die Lehren des Liberalismus, Marxismus und Nihilismus, die er durch seine Agenten unter die Völker bringt. Sie zersetzen die Nationen und bereiten so die jüdische Weltherrschaft vor. Aus dem „Wucherer“ ist der allmächtige Bankier erwachsen, der mit seinem Geld Presse und Parlamente kontrolliert, ja sogar ganze Staaten in die Schuldabhängigkeit treibt.

Die geheimnisvolle jüdische Parallelwelt in den christlichen Staaten begann sich im 19. Jahrhundert mit der einsetzenden Emanzipationsbewegung schrittweise aufzulösen. Als Ersatz erfanden die Antisemiten eine jüdische Parallelwelt, die stärker als durch jede Ghettomauer vom Erfahrungshorizont der Christenheit getrennt war. Sie ist gleichermaßen unsichtbar wie allgegenwärtig.

Die Geburt einer Weltanschauung
1919 erreichten die Protokolle Berlin. Durch Winberg und Schabelski-Bork, zwei russische Angehörige der Schwarzen Hundertschaften, erhielt Ludwig Müller alias „Gottfried zur Beek“ im November eine Ausgabe in der Version von Nilus. Zur Beek veröffentlichte 1920 die erste deutschsprachige Ausgabe unter dem Titel „Die Geheimnisse der Weisen von Zion“ in seiner Zeitschrift Auf Vorposten. Die Erstausgabe der Protokolle in Deutschland wurde durch adelige Sponsoren, u.a. das Haus Hohenzollern finanziert. Wilhelm II. war nach seinem Sturz im holländischen Exil der Ansicht, sein Niedergang sei das Werk der Weisen von Zion gewesen.

In Deutschland bestanden bei der Verbreitung der Protokolle keine Anlaufschwierigkeiten, wie etwa in Russland. Winberg, der die Schrift nach Deutschland gebracht hatte, äußerte sich 1922 erfreut über den Widerhall, den diese in der Weimarer Republik gefunden habe: „In Deutschland sind die Protokolle der Weisen von Zion frei erhältlich, und die Arbeiter revidieren in eigens einberufenen Versammlungen ihre sozialistischen Programme.“ Tatsächlich blieb jedoch gerade die Arbeiterschaft lange Zeit weitestgehend immun. Die sozialdemokratische Presse lehnte die Protokolle als reaktionäre Propaganda ab. Cohn zufolge übten sie stattdessen enorme Anziehungskraft auf die deutsche Mittelschicht aus. Zu ihren Verfechtern zählten auch weite Teile der intellektuellen Eliten: In den 1920er Jahren traten Professoren, Lehrer, Redakteure und Staatsanwälte als Redner auf Veranstaltungen auf, die über die Erkenntnisse aus den Protokollen informieren sollten. Zu ihrer Zuhörerschaft zählten Beamte, Handwerker, Offiziere und Studenten, insbesondere aus den technischen Fakultäten. Zum Zeitpunkt der Machtübernahme der Nazis waren von zur Beeks Ausgabe bereits 33 Auflagen erschienen. Im gleichen Jahr brachte Theodor Fritsch eine Volksausgabe mit einer Auflage von 100.000 Stück heraus. Die Protokolle fanden reißenden Absatz in der Weimarer Republik.

Natürlich machten die Anhänger der Protokolle die Weisen von Zion für den verlorenen Krieg und die anschließenden revolutionären Unruhen in Deutschland verantwortlich. In bestimmten historischen Situationen treffen Verschwörungsphantasien auf besonders fruchtbaren Boden. Solche Zustände können, anknüpfend an R.M. Loewenstein, als „kollektive Psychopathologie“ bezeichnet werden. Bisher unauffällige Personen mit latenten antisemitischen Neigungen entwickeln sich in Krisenzeiten zu Fanatikern. Eben solche Zustände scheinen die Verbreitung der Protokolle in Deutschland zu Beginn der 1920er Jahre enorm befördert zu haben. Nach der Revolution folgte die Wirtschaftskrise von 1923, von der auch die Rede im jüdischen Welteroberungsplan ist.

1922 wurde Reichsaußenminister Walther Rathenau von Rechtsextremisten der geheimen Organisation Consul ermordet. Die Protokolle hatten daran gewichtigen Anteil. Rathenau erregte besonderen Anstoß in antisemitischen Kreisen nicht einfach nur aufgrund seiner jüdischen Herkunft. 1909 hatte er der Wiener Neuen Freien Presse in einem Interview folgende Information anvertraut: „Dreihundert Männer, von denen jeder jeden kennt, leiten die wirtschaftlichen Geschicke des Kontinents…“ Zwar war von Juden hier keine Rede, dennoch wurde von antisemitischen Autoren ein Bezug zu den Weisen von Zion hergestellt. Die „Rathenau´schen Dreihundert“ wurden zum Synonym für die jüdische Verschwörung. Rathenau wurde zu einem der Weisen erklärt. Immerhin war er es, der in seiner Rolle als Reichsaußenminister den Rapallo-Vertrag mit Sowjetrussland ausgehandelt hatte. Damit war für die Antisemiten seine Verbindung zur „jüdisch-bolschewistischen“ Verschwörung bewiesen. Rathenaus Attentäter waren nachweislich stark von den Protokollen beeinflusst. Im Gerichtsprotokoll ist die Aussage des Angeklagten Techow festgehalten, der behauptete, Rathenau habe sich selbst als einen der Weisen von Zion zu erkennen gegeben.

Die Nationalsozialisten setzten vor und nach ihrer Machtübernahmen die Protokolle als politische Waffe ein. Am 31. März 1933 rechtfertigte Julius Streicher das bevorstehende eintägige Boykott jüdischer Geschäfte mit der Verschwörungslegende: Der „Plan von Basel“ sei der Erfüllung nahe. Am 1. April müsse deshalb eine erste Abwehrreaktion erfolgen. 1935 wurden die Protokolle zur Pflichtlektüre für den Schulunterricht des Dritten Reiches erklärt.

Allerdings war es insbesondere Alfred Rosenberg, der die Schrift systematisch für den politischen Kampf zurichtete und einsetzte. Er stammte aus dem Baltikum, war russischer Staatsbürger, verließ das Land jedoch 1918 mit den abziehenden deutschen Truppen. Rosenberg stellte die Verbindung her zwischen dem Antisemitismus der russischen Schwarzhundertschaften und den Nazis. Er stand in Kontakt zu Winberg, der die Protokolle nach Deutschland gebracht hatte. Der „Ostwind“ in Deutschland in Folge der Oktoberrevolution war nicht nur in der Linken zu spüren. Rosenberg lernte von seinen russischen Kameraden den Gebrauch der Protokolle zur Manipulation der öffentlichen Meinung.

Die Schriften Rosenbergs und Hitlers zeugen vom tiefen Einfluss, den die Protokolle im Bewusstsein der Nazielite hinterlassen haben. Henri Rollin vertritt in seinem 1939 erschienen Buch L´Apocalypse de notre temps die These, Hitlers Mein Kampf sei wesentlich von den Protokollen inspiriert worden. Unzweifelhaft übernahmen die Nazis den Verschwörungsmythos der Weisen von Zion, um dadurch die Juden als Todfeinde des arischen Menschen zu dämonisieren. Rosenberg erkannte in den Protokollen ein geschichtsphilosophisches Prinzip: Der „Jude“ ist mehr als einfach nur ein subjektiver Gegner. Er wird als gegenläufige Kraft im menschlichen Zivilisationsprozess betrachtet und damit zu einer universellen historischen Konstante erhoben. Die Protokolle zeichnen sich dadurch aus, dass sie nicht bei der Aufdeckung einer bestimmten Verschwörung stehen blieben. Vielmehr deutet die Schrift darauf hin, dass die Geschichte „an sich“ eine Verschwörung ist.

Als unser metaphysisches Gegenbild steht der Jude in unserer Geschichte da.
Alfred Rosenberg

Die Weisen von Zion als Lehrmeister
Parallel dazu wird eine weitere Tendenz in der Rezeption der Protokolle durch antisemitische Autoren ersichtlich. Während einerseits die moralische Verworfenheit der Weisen von Zion gebrandmarkt wird, tritt an anderen Stellen offene Bewunderung der Antisemiten für die „staatsmännische Weisheit“ der Juden zu Tage. Am deutlichsten sticht dieser Zug in Theodor Fritschs Nachwort zur 1924 erschienenen Ausgabe der Protokolle hervor: Er empfiehlt zukünftigen Politikern bei den Weisen von Zion die Regierungskunst abzuschauen. Hitler äußerte, nach der Darstellung Hermann Rauschnings, er habe die Kampfkunst bei seinen Feinden gelernt und sei vom Plan der Weisen von Zion weitgehend inspiriert worden.

Unsere künftigen Politiker und Diplomaten werden bei den Generalspitzbuben aus dem Orient in die Lehre gehen müssen, um erst das ABC der Regierungskunst zu lernen.
Theodor Fritsch

Zweifelsfrei kann behauptet werden, dass in der Darstellung der Protokolle eine durchaus ambivalente Sichtweise des Antisemiten auf den Juden zu tage tritt. Es erscheint paradox, dass gerade diejenigen, welche den Juden als moralisch degenerierten Untermenschen öffentlich verleumden, gleichzeitig im antisemitischen Zerrbild des Juden nach Orientierung für die eigene politische Ordnung suchen. Fritsch ist im Nachwort seiner Ausgabe der Protokolle förmlich zerrissen zwischen der Genialität und gleichzeitigen Verabscheuungswürdigkeit der Weisen von Zion. Der Jude der Protokolle tritt dem Antisemiten als Doppelwesen entgegen. Er ist Über- und Untermensch gleichermaßen; Erbauer und Zerstörer; Rebell und Herrscher in einer Person. Der Antisemit kann Hass und Zuneigung gegenüber seinem Feindbild nicht klar voneinander trennen. Das Verhältnis des Judenhassers dem Juden gegenüber ist durch Ambivalenz bestimmt.

In den 1930er Jahren äußerten eine Reihe von Zeitzeugen die These, die Nazis hätten versucht den „jüdischen Welteroberungsplan“ zu kopieren. Erstmalig dokumentiert wurde diese Behauptung im Prozess von Bern: Der von den jüdischen Klägern beauftragte Sachverständige Loosli sagte am 29. April 1935 in seinem Schlussplädoyer: „Sind wir zu blind zu begreifen, dass Hitler den so genannten jüdischen Plan übernommen hat und zum großen Teil selber durchführt, was er den Juden vorwirft? Wenn es eine Weltverschwörung gibt, dann wird sie von den deutschen Nationalsozialisten angeführt und bedroht uns alle.“

Tatsächlich drängen sich auch dem heutigen Leser der Protokolle unweigerlich die Parallelen zwischen den Herrschaftsmethoden der Weisen von Zion und jenen der Nazis auf:
1. Die Nazis nutzten die „Schwächen“ der republikanisch-demokratischen Verfassung, um diese innerhalb ihrer legalen Grenzen auszuhebeln. Auch die Weisen wollen durch die allgemeine Wahl an die Regierung kommen, mit Hilfe des Reichspräsidenten das Parlament außer Kraft setzen und mittels Notverordnungen die verfassungsmäßig verbürgten Grundrechte ausschalten.
2. Hitler erblickte in der Revolution ein Mittel des politischen Kampfes, bzw. der gezielten politischen Zersetzung. Dies, gesteht er in Rauschnings Gesprächen, habe er aus den Protokollen gelernt.
3. Auch mit der Instrumentalisierung der Massenmedien folgten die Nazis dem „Plan von Basel“.
4. Das Denunziantentum als Mittel totaler Beherrschung ist ebenfalls eine Idee der Weisen.
5. Der von den Nazis insgeheim betriebene Inter- und Antinationalismus tritt insbesondere in den Gesprächen Rauschnings zu tage. Einerseits versuchten die Nazis offenbar durch ein internationales Netz deutscher Agenten die nationalstaatliche Ordnung zu zersetzen. Andererseits zielten sie auf eine Gesellschaftsordnung, in der alle Nationalstaaten in transnationale „Rassengesellschaften“ transformiert werden sollten. Insofern teilten die Nazis – zumindest Hitler – mit den Weisen eine anti-nationale Gesellschaftsutopie, die hinter der Fassade öffentlich zur Schau getragener Deutschtümelei verborgen lag.
6. Weiterhin ist in den Protokollen auch davon die Rede, die bestehenden staatlichen Institutionen einer „überstaatlichen Monsterorganisation“ zu unterstellen. Die Weisen nennen sie auch „überstaatliche Verwaltung“. Franz Neumann weist auf die Unterordnung des deutschen Staates unter die NSDAP-Organe hin. Neumann kommt zu dem Schluss, dass im Dritten Reich die Partei zum einen völlig unabhängig von den Organen des Staates agierte und andererseits auch „über ihm stand“. Insofern scheint sie jener „überstaatlichen Monsterorganisation“ aus den Protokollen zu entsprechen.

Die Protokolle der Weisen von Zion hatten bestimmenden Einfluss auf das Weltgeschehen. Für ihre Gläubigen spielte ihr fiktiver Hintergrund keine Rolle. Der „Plan von Basel“ war für sie eine reale historische Begebenheit. Und der Mythos ist nicht tot. Nach dem Sechs-Tage-Krieg von 1967 erlebten die Protokolle einen bis heute ungebrochenen Aufstieg in der muslimischen Welt. Zur gleichen Zeit bediente man sich in der Sowjetunion erneut der Verschwörungslegende um gegen die Zionisten und ihre westlichen Verbündeten propagandistisch ins Feld zu ziehen. Schon Stalin hatte kurz vor seinem Tode eine Neuauflage der Schrift herausgeben lassen, in der die Westmächte als Handlanger der jüdischen Verschwörung dargestellt wurden.

Die Protokolle verkörpern die Schattenseite der Modernisierung. Sie bilden eine Schnittmenge zwischen Aufklärung, Wahnsinn und Politik. Sie sind das pervertierte Abbild einer widersprüchlichen superkomplexen Realität. Die Protokolle warnen vor einer realen und immer noch aktuellen Bedrohung: Sie zeigen den erschreckend kurzen Weg auf, der von einer bürgerlich-demokratischen Verfassung zur totalen Herrschaft führt.

Dieser Beitrag wurde am Mittwoch, 03. November 2010 um 16:38 Uhr veröffentlicht und wurde unter der Kategorie News abgelegt. Du kannst die Kommentare zu diesen Eintrag durch den RSS-Feed verfolgen. Du hast die Möglichkeit einen Kommentar zu hinterlassen.

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